Samstag, 27. Oktober 2018

Weisst du wie Sterne entstehen ?

 Ruhm und Macht der Firma 828, denn ihr zu dienen ist unser Lebensziel.

"Annika, kommst du jetzt?". Linda war sehr in Eile. In Gedanken war sie schon bei ihrem Meeting. Ein wichtiges Meeting, hatte sie sich schon wochenlang darauf vorbereitet. Wo ist sie denn nur?

Annika stand da und träumte. Immer wenn es schnell gehen musste, ging es bei Annika langsam zu.  Annika hielt inne und sah sich den Himmel an. Die Wolken hatten eine sehr besondere Form. "Mama. sieh Mal da oben". Sie zeigte mit dem Finger gen Himmel. Linda sah kurz nach oben. "Annika, komm jetzt, ich muss gleich zur Arbeit. Da ist doch nichts". "Doch, die Wolken sehen wie ein Zug aus mit ganz vielen Wagons". Linda war das peinlich, sahen doch schon die Leute um sie herum erst Annika an und dann nach oben. Sie blinzelten, als würden sie direkt in die Sonne schauen, dann zuckten sie die Schultern und gingen weiter. 

Linda fand ihre Tochter sehr sonderbar. Schon als Kleinkind wollte Annika spielen. So ein Wort hatte Linda noch nie gehört. Genauso wie das Wort träumen. Klar lernte Annika die Sprache wie auch andere Kinder innerhalb von wenigen Tagen seit Geburt, aber meistens stand sie da und hielt den Blick starr und...träumte. Dies hatte Linda erst herausgefunden, als ihr das der Firmenarzt sagte. "Träumen?", hatte sie gefragt, "ist das was schlimmes?". Aber das konnte der Arzt ihr auch nicht genau sagen. Heute war viel los, deshalb konnten sie kein Einzelfahrzeug erwischen. Auf einer breiten Fahrbahn schwebten geräuschlos Gondeln vorbei und hielten an einer kleinen Haltestelle. Diese sahen aus wie große goldene Kugeln mit Fenstern, die sich dicht aneinanderreihten. Beide Türen gingen auf und eine Treppe erschien unterhalb. Linda stieg mit Annika in einer ein, die gar nicht weit weg von ihrem Haus anhielten. Leute stiegen eilig aus und wieder ein. Die Menschen, die saßen schauten auf ein kleines Display vor sich und unterhielten sich aufgeregt mit der Firma 828. Linda saß da und machte sich wichtige Notizen und ging sie immer wieder durch. Die Gondeln schwebten los. Vorbei an den endlosen Häuserreihen der Stadt. Nur unterbrochen durch Werbedisplays. Auf einem stand der Satz: Kauft Brot der Firma 828 ! Auf einem anderen Display stand: "Ihr braucht Wasser der Firma 828 ! Diese Art von Werbung war immer in der selben grau-in-grau-Schriftart gehalten wie die vorige. 

Annika ging zu einem Mann, der in der gleichen Gondel saß und Graphen zeichnete. Einige davon waren etwas farbiger als die anderen. Sie schaute ihm zu. Der Mann sah zu ihr auf, vermutete er doch, sie würde ihm einen Tipp geben. "Kleine Erwachsene, möchtest du mir was sagen?". Kleine Erwachsene hatten zumindest die Möglichkeit, die Erwachsene nicht hatten. Sie konnten ein klein wenig anders denken und sahen Möglichkeiten, die den Erwachsenen verborgen waren. Doch Annika sah nur verträumt zu ihm. Dann sagte sie: Weißt du wie Sterne entstehen? Man lässt Luftballons in den Himmel steigen. Wenn diese im Weltraum angekommen sind, entstehen daraus Sterne und Planeten".
Der Mann blinzelte nervös. Dann schüttelte er leicht den Kopf und sah wieder auf seiner Skizze.
Weiter hinten saß wieder der junge Mann, den Annika schon öfter gesehen hatte (Woher kannte sie ihn bloß nochmal?).  Und immer halb durchsichtig. Niemand außer Annika sah diesen Mann. Dieser war nicht beschäftigt, wie all die anderen. Er sah nur sie an und lächelte. "Annika, was machst du?". Sie drehte sich zu ihrer Mutter um. "Wir müssen gleich aussteigen". Als sie wieder nach dem jungen Mann sehen wollte, war dieser weg, wie vom Erdboden verschwunden.
Die Gondel blieb abrupt stehen. Auf dem breiten Weg lag ein Mann. Schon wieder jemand, der einen Herzinfarkt erlitten hatte. Jeder wusste, warum es so war, doch wollte es eigentlich keiner wissen. Der Mann auf der Straße hatte sein kleines Display noch in seiner Hand, immer in Verbindung mit der Firma 828.  Alle schauten woanders hin und stiegen aus. Die Reinigunsrotober würden sich um den Mann kümmern.

Von hier hatte es Linda zum Glück sowieso nicht weit nach Hause. Häuser reihten sich fast endlos aneinander. Dieser Bezirk gehörte ebenfalls der Firma 828, bei dem Linda arbeitete. Sie griff die Türklinke, die ihre DNA scannte und die Tür ließ sich öffnen. "Willkommen zuhause!" Der Hauscomputer machte das Licht an und teilte mit, dass sich ihre Kollegen der Firma 828 in wenigen Minuten zur Konferenz treffen. An einem großen runden Tisch saßen auch schon schemenhaft 4 menschliche Gestalten. Es würde gleich losgehen.


Der hohe Rat der Firma 828 wurde sichtbar. Linda saß mit Annika am Tisch und hielt die Notizen bereit. Die Tischplatte leuchtete schwach und wartete auf Lindas Gesten. Ihre Notizen waren bereits vom Computer über den Tisch gescannt worden.
 "Ruhm und Macht der Firma 828!". Der Rat erwiderte den allseits bekannten Gruß. "Linda 8728345, was können Sie uns mitteilen?", sagte der Rat-älteste der Firma. Linda begann: "Die Produktion von Brot und Wasser konnte durch eine Zentrale Mehrarbeit in den Außenbezirken der Stadt leicht gesteigert werden". Sie ging Statistiken durch, verglich auch die Firma 749 und 653. Mit Gesten erschien auf dem Tisch Hologramme, die Balken und Graphen darstellte. Alle Ratsmitglieder nickten zufrieden. Die einzelnen Produktionszyklen und deren Steigerung durch Mehrarbeit von Einteilung der Arbeiter wurden aufgezählt.


So verging die Zeit. Als alles durch war, wurde die kleine Erwachsene gefragt. "Kleine Erwachsene, was haben Sie hierbei zu sagen?". Annika, die vorhin sehr abwesend war und träumte, war jetzt in voller Aufmerksamkeit. Der Vorschlag, des Programms auf den Kommunikations-Sendern der Arbeiter zu verändern und dadurch eine Gesamtsumme aller zu erhalten, wurde vom Rat sehr geschätzt. Sie nickten zufrieden. Der Abschied war immer wie der Anfang: "Ruhm und Macht der Firma 828". Der Rat verschwand.
Die Hausrationen von Firma 828 wurden auf 3% gesteigert, verkündete der Hauscomputer. Linda war zufrieden. Jetzt galt es, dieses Projekt auch in die Tat umzusetzen. Sie fing gleich damit an und machte sich erneut Notizen und briet zusammen mit Annika. So ging das noch einige Stunden, bis sie  beide einschliefen. Die Stühle kippten leicht nach hinten und es wurde daraus ein etwas bequemeres, schmales Bett.

"Es hat geklappt", freute sich Itjen, "sie hat seit langem mal wieder phantasiert". "Ja, aber danach war es umso schneller wieder vorbei", unterbrach ihm sein Bruder barsch. "Wir brauchen schnelleren Erfolg. Wir können nur einige wenige Informationen für kurze Zeit in die Chips senden".
"Wir suchen immer noch nach dem Schlüssel, der uns befreien kann."

[Es geht bald weiter]