Sonntag, 2. September 2018

Die wundersame Tafel



Wie jeden Feierabend ging Norbert vom Bahnhof nach Hause, da sich dieser nicht weit von seinem Wohnort befand. Wie immer freute er sich nach Hause zu kommen, wartete doch schon hier seine kleine Familie auf ihn.
Es war noch recht hell an diesem Tag. Seit einigen Tagen wurde wieder mal Sperrmüll gesammelt. Manche Leute werfen noch recht gut erhaltene Schränke und Möbel so einfach auf den Müll.
In der Bahnhofstraße weiter unten ist sehr viel herausgestellt worden. Norbert schenkte diesem Sperrmüll-Berg eigentlich keine Beachtung, und war auch schon fast vorbei, als er aus dem Augenwinkel etwas heraus blitzen sah. Er blieb stehen und drehte sich um. Nein, da war nichts Funkelndes, was ihn genauer hinsehen sah. Es war eine alte Tafel zum Aufstellen. Diese war zum Glück noch komplett heil. Sogar etwas Kreide lag noch vorne auf der Ablage. Vorsichtig räumte Norbert ein paar andere Gegenstände weg und nahm diese mit. Sie würde bestimmt seiner kleinen Tochter Anja gut gefallen.

„Hi Schatz, wie war dein Tag heute?“ Moni tänzelte an ihn vorbei, schon fertig in ihren Trainingssachen. „Ich gehe dann mal zum Training, du weißt ja wo alles ist“. „Jaja, ich komme schon klar“ - schon war sie raus aus der Türe.
Anja zeigte auf die Tafel: „Ist das?“ „Das ist eine Tafel“. Norbert stellte diese inmitten von Anjas Zimmer auf. Sie war schwer beeindruckt, aber mit ihren 2 Jahren nahm sie sowieso alles neue mit viel Begeisterung und Neugierde auf. „Also, zuerst reinigen wir die Tafel mal mit einem nassen Tuch“. Als dies geschehen war, sah die Tafel ganz sauber aus. Anja hatte mit dem Wischen auf der Tafel sehr viel Spaß. Die Tafel war noch nicht ganz trocken. Nun sagte Norbert ihr folgendes: „Wenn du etwas auf dieser Tafel schreibst, dann ist es da, wenn du es wieder wegwischst, ist es weg“. Das erste was ihm einfiel war ein „Hallo“ auf die Tafel zu schreiben. Ihr gefiel das Geräusch, das die Kreide auf der Tafel machte. Sie versuchte gleich es nachzuahmen. „gliiihhh“. „Ja genau, jetzt darfst du was malen“. Er gab ihr das Stück Kreide und stand auf. „Ich komme gleich wieder, ich hole uns noch etwas Wasser zum trinken“.
Anja stand da in einer Hand ein Stück Kreide, in der anderen Hand ein nasses Tuch. Sie ließ das Stück Kreide fallen und fing an, die Schrift mit dem Lappen sauber zu machen. Es gelang ihr sogar ganz gut, man konnte jetzt keine Schrift mehr sehen. Anja hob das Stück Kreide auf. „Papa, gliiihhhh ?“.
Als Moni nach Hause kam, traute sie ihren Augen nicht. Da lag ihre Tochter schlafend mit verquollenen Augen in ihrem Zimmer. „Norbert, was ist los, wieso ist Anja nicht gewickelt und in ihrem Bett ? - Norbert ?". Doch er war nicht da und kam nicht wieder zurück. Auch eine suche mit der Polizei blieb ohne Erfolg.

20 Jahre später besuchte Anja wie jedes Wochenende ihre Mama zu Hause. Sie ist nie umgezogen, in der Hoffnung, Norbert käme doch noch irgendwann zurück.
Anja wollte diesmal richtig mit aufräumen helfen. Zuerst den Speicher und dann den Keller.
Auf dem Dachboden lagen so einige Umzugskartons herum. Anja schnappte sich einen und brachte sie nach unten. Sie hat sich vorgenommen, doch noch einige wertvolle Gegenstände evtl. bei eBay verkaufen zu können.
Als sie den Karton öffnete, sah sie darin ganz oben eine Kreidetafel mit Ständer. Irgendwas sagte ihr diese Tafel mal. Als Moni aus dem Haus ging, erklärte sie ihr, das diese Tafel am Tag des Verschwindens Papa mal gebracht hatte. Dann ging sie wieder. Anja klappte die Tafel auf. Sie war noch sehr gut erhalten. Sogar ein altes Kreidestück lag vorne in der kleinen Ablage. Sie holte ein nasses Tuch und wischte die Tafel vom Staub sauber. Als sie das Kreidestück in die Hand nahm, schrieb sie oben links „Hallo“ darauf (es war das erste, was ihr in diesem Moment einfiel). Hm, diese Tafel würde sie nicht verkaufen wollen. Also bückte sie sich, um noch mehr in dem Karton zu finden. Hinter ihr hörte sie eine fremde Stimme: „So hier haben wir beide nun zu trinken, jetzt können wir wieder weiter malen“.

Als Norbert diese junge Frau in Anjas Zimmer sah, fielen ihm erst mal beide Becher aus den Händen. „Wer sind sie? Und wo ist Anja?“. Er konnte nicht glauben, was ihm Anja daraufhin alles erzählte. Als Anja ihre Mutter anrief stolperte diese förmlich ins Haus und staunte. Vor allem, da Norbert seit damals nicht gealtert war. Es wurde die ganze Nacht am Tisch diskutiert. Alle kamen zum Schluss, dass es etwas mit der kleinen Tafel zu tun hatte.
Am nächsten Tag kaufte Anja ein neues Stück Kreide. Ihr Vater kniete vor der Tafel und sagte, wie damals als sie 2 Jahre alt war: „Also das ist ein altes und das neues Stück Kreide“.